Nane, Hamburg

Zeit  für eine Hausgeburt - oder was macht mein Baby eigentlich so lange in München?

Du bist unser zweites Kind und du lässt dir Zeit oder du lässt mir Zeit. Zeit, die nicht einfach zu füllen ist, eine aufregende Zeit. Zeit für nächtliches durch-den-Schnee-Stapfen, um die Wehen zu erhalten, Zeit für viele Stunden in der Badewanne, um die Wehen zu testen, Zeit für viele tiefe Atemzüge, um die Wehen zu veratmen. Die Wehen kommen und gehen, Stunden lang, Tage lang und vor allem Nächte lang.

Dein Vater begleitet mich durch den Schnee, sitzt bei mir im Bad und hört sich geduldig meine Wehengesänge und immer häufiger auch meinen Unwillen an.

Das alles kommt mir bekannt vor, es fühlt sich vertraut an. Dein großer Bruder und ich haben das auch so gemacht, zweimal haben sie uns im Krankenhaus wider nach Hause geschickt, jedesmal ein  neuer Arzt, eine neue Hebamme. Beim dritten Mal, haben sie uns entbunden, es hat lange gedauert und es ging im Kreißsaal zu wie auf dem Bahnhof, viel zu viele Menschen, dreimal Schichtwechsel, Hebammen in der Ausbildung, Ärzte, und ich kann nicht eröffnen, der Muttermund lässt sich Zeit und ich habe keine mehr, meine Kräfte schwinden von Wehe zu Wehe, sie verstärken die Wehen mit einem Tropf, sie machen eine PDA, Geburtsstillstand, dann holen sie mein Baby mit Hilfe einer Saugglocke, ich friere und habe Angst, es stellt sich kein Glücksgefühl ein, sie legen mir ein blaues, atemloses Kind auf den Bauch, es wird sofort abgenabelt, es ist ein Junge, die Kinderärzte kommen, dein Vater steht zwischen mir und dem Baby, es atmet immer noch nicht, die Kinderärzte saugen ab, geben Sauerstoff und sprechen es schließlich aus, sie wissen nicht wie sie das Kind, mein Kind noch zum Atmen bewegen können. Der Monitor sagt: schlechte Sauerstoffsättigung. Die Hebamme setzt sich durch, ich bekomme das Kind auf den Bauch, wir singen, seine Atemzüge werden regelmäßiger. Sie bringen es auf die Intensivstation. Es ist Nacht draußen und in mir, ich liege ohne Baby in einem Klinikzimmer mir ist kalt, ich bin erschöpft. Sie haben uns gehetzt bis wir beide ganz außer Atem waren ... .

Was bleibt ist das Gefühl: ich kann nicht gebären, ich habe irgendetwas falsch gemacht.
Und die Erkenntnis - nie wieder Krankenhaus.

Dann erwarte ich dich und auch du lässt dir Zeit, zwei mal rufen wir Petra und verbringen eine Nacht mit Warten, aber du bist noch nicht so weit. Petra sagt, freu` dich dein Kind hat sich auf den Weg gemacht, das ist als ob man weiß, dass sich ein Freund, den man lange nicht gesehen hat, in München in den Zug setzt.

Warum kommt dein Zug nicht an? Liegt das am Schnee und was machst du so lange in München?
Es ist wie dieser Winter, es scheint unendlich lange. Aber wir lassen uns die Zeit, es geht dir gut in meinem Bauch. Mir geht es nicht mehr so gut. Die Panik steigt in mir auf: ich kann nicht gebären. Petra ist ruhig, sie begleitet, ermutigt und lässt uns Zeit. Ich komme mir dumm vor, zweimal hole ich sie aus dem Bett, zweimal wird unser Hund von einer Freundin abgeholt und dann Fehlalarm, Petra da, die Wehen weg.

Auch am Tag deiner Geburt scheinst du dir Zeit zu lassen. Petra kommt und sie geht wieder, du wirst kommen, der Zug steckt nicht mehr fest in München er hat Fahrt aufgenommen, doch wohl mehr Bummelzug als ICE. Petra geht und die Wehen werden stärker aber wenn´s nach mir geht, rufen wir sie erst wieder an, wenn die Fruchtblase platzt. Dein Vater will Petras Unterstützung früher, er ruft sie vom Abendessen mit einer Freundin weg, nach kurzer Zeit. Sie kommt, du hast es plötzlich eilig und kommst schneller als die zweite Hebamme. Einmal noch ist sie da, während du rausdrängst, da baut sich diese Panik in mir auf: ich kann nicht gebären. Petra bleibt ruhig, wir überwinden gemeinsam. Du bist da, eine Stunde vor dem errechneten Termin und schneller als gedacht. Du staunst und du atmest, du trinkst und du schläfst, ganz gesund, wunderschön und einzigartig. Wir feiern deinen Geburtstag. Ich kann gebären und warten, zu Hause mit Menschen, die mir vertraut sind, die mir Zeit lassen, ich kann gebären. Du hast Zeit und so bald du sprechen kannst, werde ich dich fragen: was hast du da eigentlich so lange gemacht in München?

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