Axel, Hamburg

Habt Ihr Malerfolie?
Oder wie sich Männer auf Geburten vorbereiten sollten

von Axel Reimann

Die Krankenhaustasche war gepackt. Nicht von mir, klar, das hatte schon meine Frau getan. Auch sonst war ich – sagen wir mal vorsichtig – nur mäßig vorbereitet auf die Geburt unserer zweiten Tochter. Sicher, es sollte diesmal anders laufen, nicht mehr so viel Intensivmedizin, wenn möglich – und kein unnötiger Kaiserschnitt, nur weil ein Wehenschreiber ausflippt und Ärzte auf Nummer Sicher gehen wollen.“Lass uns so spät wie möglich ins Krankenhaus gehen“, bat meine Frau. Ich nickte. Kurz vor und kurz nach der Geburt sollen Männer ja besonders entgegenkommend sein, vielleicht sogar mal zuhören –  was während der Geburt passiert, das ist höhere Gewalt.

Heute, ein Jahr später, sitze ich vor dem Kinderbettchen meiner zweiten Tochter und versuche mich zu erinnern, was dann wirklich passierte in diesen 12 Stunden. Als mitten in der Nacht das Licht anging und eine Frauenstimme neben mir sagte: „Morgen ist es soweit!“ Die Stimme sagte noch, glaube ich, dass ich mich mal mit dem Verlauf einer normalen Geburt auseinandersetzen sollte. Einer Geburt, bei der nicht ein ganzes OP-Team hinter einem grünen Vorhang an der Gefährtin rumdoktert. Wie ich dann unterstützen, helfen, „dasein“ könne – dann drückte mir meine Frau den Ratgeber in die Hand. Und ich wachte auf. Ich werde immer ganz unruhig, wenn jemand zu mir sagt, ich solle „einfach nur dasein“.

Tatsächlich muss sie wohl schon die ganze Nacht Wehen gehabt haben. Was schmerzhaft sein soll. Aber ich konnte trotzdem schlafen. Schließlich muss wenigstens einer auf seine Kräfte achtgeben bei so einer Geburt. Weshalb sie mich dann bald auch wieder schlafen ließ. Als ich  wegdämmerte, machte ich schon den Plan für den nächsten Tag. Das war irgendwie ein erhebendes Gefühl. Ich bin gut im Pläne machen, Strategien entwerfen – das liegt am Computerspielen.

Eine Geburt ist ja auch eine Art Strategiespiel: begrenzte Ressourcen einsetzen, um das eigene Terrain zu erweitern, dabei die verschiedenen Einflussfaktoren im Auge behalten, zum Beispiel Motivation, Leistungsfähigkeit und die verschiedenen Störgrößen. Der Plan, der auf diese Weise kurz vor meiner nächsten Tiefschlaf-Phase entstand, sah ungefähr so aus: Kurzes Frühstück, große Tochter in die Kita bringen, dann mit der Frau ins Krankenhaus. Dort sagen mir Hebammen und Ärzte und die eigene Frau, was ich tun soll. Dann kommt das Kind. Ich bin gerührt, nehme es in den Arm, küsse die Frau, fahr nach Hause, hole die Große aus der Kita ab, warte auf die Babysitterin, rufe Omas, Opas und Freunde an, fahre dann wieder ins Krankenhaus, trinke Sekt, küsse die Frau, das Kind, fahre wieder nach Hause, bring die Große ins Bett, trinke Bier, fülle das Formular fürs Standesamt aus, drucke den Kindergeld- und den Elterngeld-Antrag aus und beantworte telefonische Anfragen von Freunden und Bekannten. Dann würde ich wieder ins Bett gehen. Ich freute mich schon.

Die erste Planänderung betraf das Frühstück am nächsten Morgen. Es war lang. Sehr lang. Ich holte Brötchen, öffnete eine Flasche Sekt und legte eine Tageszeitung auf den Tisch. Eine bewusste Entscheidung fürs Slow Birthing sollte das sein.

„Wir haben noch Zeit“, sagte mein Gegenüber

„Es ist alles so viel entspannter als beim letzten Mal“, säuselte ich.

Irgendetwas in meiner Stimme muss mich verraten haben, irgendetwas das nach „Wann fahren wir endlich ins Krankenhaus?“ geklungen haben muss. Jedenfalls redete meine Frau beruhigend auf mich ein. Die Große war in der Kita, und es war gut.

Dann ging alles sehr schnell. „Ist das jetzt ein Zehn-Minuten-Abstand zwischen den Wehen oder waren das fünf Minuten?“ „Keine Ahnung. Sollen wir jetzt losfahren?“ „Weiß nicht. Ich ruf' mal die Hebamme an, vielleicht kann sie noch vorbeikommen und gucken.“

Die Hebamme kam noch. Leider war viel Verkehr auf den Straßen. Aber es war dieser erste Satz, den Petra, die Hebamme, noch im Hausflur sagte. Ein Satz, der meine Einstellung zum Thema Geburtsvorbereitung völlig veränderte. Es war eine einfache Frage. Eigentlich. Sie lautete nur: „Habt Ihr Malerfolie?“

Habt Ihr Malerfolie! Natürlich, warum auch nicht, gehört doch dazu. Die drei M einer modernen Geburt: Müsliriegel, Musik-CD und Malerfolie. Vielleicht lag sie ja noch in der Krankenhaustasche, die Malerfolie. Wenn nicht, könnte ich ja bei Nachbars fragen: „Tschuldigung. Wir bekommen gleich ein Baby, habt Ihr vielleicht noch etwas Malerfolie?“

Tatsächlich fand ich im Keller noch eine Packung. Das war, bevor die Hebamme meine Frau untersuchte. Danach kam sie in die Küche, schaute mir tief in die Augen und fragte: „Kannst du gaaaanz starken Kaffee kochen?“

Spätestens an dieser Stelle wusste ich drei Dinge: Geburtsvorbereitungskurse sind sinnlos. Computerspiele auch. Und wir würden nicht mehr ins Krankenhaus fahren.

Ich kochte den Kaffee – nicht zum Trinken, sondern als Dammschutz, wie ich später erfuhr – und wir legten die Folie aus. Dann tat ich hilfreich, rannte durch die Wohnung, dankbar für jedes Handtuch, jede Decke, jedes Glas Wasser, das ich holen durfte, während meine Frau über der Folie ihre Schmerzen veratmete. Wenn ich eine schwangere Frau wäre, würde ich sehr unruhig werden, wenn mir jemand sagt, ich solle „unter der Geburt einfach meine Schmerzen veratmen“.

Irgendwann fing mich Petra, die Hebamme, ab, und schob mich an die Seite meiner Frau. „Festhalten“, sagte sie. Wir saßen jetzt zu dritt auf dem Badezimmerboden. „Spür mal, da ist der Kopf schon.“

Fünf Minuten später kam unsere Tochter auf die Welt, direkt in meine Hände geschlüpft. Die Hebamme lachte, meine Frau strahlte und ich heulte.

„Die Welt wird jedesmal neu erschaffen, wenn ein Kind geboren wird“, hat ein kluger Mensch mal gesagt. In diesen Minuten zwischen Wäschetrockner und Wickelkommode hatte ich nicht das Gefühl, vorbereitet zu sein. Auf gar nichts. Vor allem nicht auf die kleine neue Welt, die da in meine Arme fällt. Aber das macht nichts. Dazu sind neue Welten da: die alten Welten aus ihrer immer gleichen Bahn zu werfen.

Wer wissen will, mit welchen 14 wichtigen und unwichtigen Dingen sich Männer vor, während und nach einer Hausgeburt beschäftigen können, findet weitere Information hier http://sites.google.com/site/hausgeburtmaenner/


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